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Geschichte

Das Dorf Alt Rehse hat eine lange Geschichte und wird urkundlich erstmals 1182 erwähnt. Es war bis in die Neuzeit ein Lehnsgut. Bis heute steht im Zentrum des Dorfes das alte Gutshaus, das im Wesentlichen auf einen Bau aus dem Jahre 1862 zurückgeht.


Standort ehemaliges Limnologisches Institut


Nachdem die Nationalsozialisten 1933 an die Macht gelangten, änderten sich die Geschicke des Ortes nachhaltig: Im August 1934 wurde mit dem Bau einer einzigartigen Einrichtung begonnen, der „Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“. Zwischen 1935 und 1942 diente sie der „weltanschaulichen Schulung“ von etwa 10.000 bis 12.000 Ärzten, Apothekern, Hebammen und anderen im Gesundheitswesen tätigen Personen. Neben den vielen tausend Ärzten, die eine Praxis eröffneten und diese meist auch nach 1945 betrieben, kamen ebenso Kurs-Teilnehmer nach Alt Rehse, die später im Rahmen der NS-Terrorherrschaft eine verbrecherische Tätigkeit ausübten. Ein Beispiel dafür ist Dr. Helmut Müllmerstadt, der 1941 und 1942 in den Konzentrationslagern Dachau und Sachsenhausen Operationen an Häftlingen durchführte.


Dr. med. Helmut Müllmerstadt


Im Zuge des Neubaus des Dorfes wurden – mit Ausnahme eines nun als Dorfkrug genutzten Gebäudes, der Kirche und des Pfarrhauses – die alten Wohnbauten abgerissen und Alt Rehse zu einem nationalsozialistischen Mustergut und Musterdorf umgestaltet. 22 Wohnhäuser entstanden im Dorf, die wie auch die weiteren Neubauten im Park und im Bereich des Gutes als Fachwerkkonstruktionen im Heimatschutzstil errichtet wurden. Im Park des 1898 errichteten neuen Gutshauses baute man vier Schlafhäuser für die bis zu 132 Teilnehmer der Kurse und Unterkunftshäuser, für die Dozenten und das Personal der „Führerschule“. Auch ein Sportstadion und eine Turnhalle waren Teil des nationalsozialistischen Konzeptes des umfassenden Zugriffs auf die Teilnehmer der Schulungen: Geist und Körper sollten in einem militärischen Rhythmus gleichermaßen trainiert werden. Neben Vorträgen über Rassenhygiene und Eugenik waren die Teilnehmer auch dazu angehalten, Arbeitseinsätze abzuleisten.


Musterhäuser im Dorf. Fotografie von 2007

 

Im Dritten Reich gab es rund 150 Schulungseinrichtungen für die verschiedensten Partei-, Berufs- und sozialen Gruppen. Alt Rehse war einzigartig, weil nur hier ein komplettes Ensemble von Grund auf neu gebaut wurde. Alles sollte der nationalsozialistischen Ideologie folgen: Angefangen von der Architektur der neu errichteten Gebäude des Ortes über die Auswahl der Teilnehmer und der Dozenten bis hin zu einem 1937 errichteten erbbiologischen Forschungsinstitut auf dem Gelände der „Führerschule“.

 


Teilnehmer des Internationalen Fortbildungskurses für Ärzte in Berlin 1937 in Alt Rehse

 

Nach der Einnahme Alt Rehses durch die Rote Armee 1945 waren hier Einheiten der sowjetischen Streitkräfte kaserniert, bevor nach Abzug des Militärs im Park seit 1948 vertriebene Waisenkinder untergebracht wurden. 1952 bis 1955 wurde ein Institut für Lehrerbildung betrieben. Ab 1956 wurde das Gelände wieder militärisch genutzt, seit 1958 durch die Nationale Volksarmee, bevor es 1990 an die Bundeswehr überging. Nach der Wende entdeckten auch Ärzteverbände das Dorf wieder, während Alt Rehse 1996 die Bronzemedaille im Bundeswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ erhielt. Dass damit auch eine Architektur und eine Landschaftskonzeption gewürdigt wurde, die Ausdruck nationalsozialistischer Vorstellungen ist, zeigt die Herausforderungen für das Erinnern, Gedenken und Lernen an diesem Ort.


Seit 2005 ist der Park im Privatbesitz.